Gegenstandpunkt zu Michael Heinrich

Zur MG-Kritik/ GSP-Kritik

Etwas sachhaltiger als die Demagogie des Herrn Seppmann kommt die Kritik an Michael Heinrich daher, die der Gegenstandpunkt bereits im Heft 2-2008 veranstaltet hat. Wie die Leute vom GSP selbst, möchte ich im Folgenden keine Bauchpinselei für das betreiben, was ich an der Kritik für richtig halte, sondern Streitfragen ansprechen und destruktive Kritik üben, wo das angebracht ist.

1) Zunächst wundern sich die Autoren, warum Heinrich immer wieder eine „Warnung vor der Anfeindung der Ausbeuter“ betreibt. Dass in der Geschichte des sog. „Arbeiterbewegungsmarxismus“, dessen „abstrakte Negation“ Heinrichs Beitrag angeblich sein soll, oft nicht verstanden wurde, dass es sich im Kapitalismus nicht um eine direkte Herrschaft von verdorbenen Kapitalisten über grundgute Proleten handelt, dass hier Herrschaft als Verschwörung der Reichen gedeutet wurde, dass man – wie im StamoKap-Konzept – nur die anderen (die angeblichen Proletenvertreter) an die Macht bringen sollte, dass sogar mit Faschisten geliebäugelt wurde, die die sogenannten ‚raffenden Kapitalisten’ an der nächsten Laterne aufhängen wollten – alles das interessiert die GSPler nicht, obwohl sie es wissen. Aus Auschwitz haben sie nichts gelernt. Dass Heinrich falsche moralische Vorwürfe gegen einzelne Kapitalisten abwehre „nicht wegen ihres Fehlers, sondern um Gegnerschaft gegen die Kapitalisten und ihr ökonomisches Interesse überhaupt zurückzuweisen“, ist nun aber ganz und gar auf dem Niveau des Herrn Seppmann – nämlich: schlichte bösartige Unterstellung. Andrerseits: Was hilft eine „Gegnerschaft gegen die Kapitalisten“, wenn sie keine gegen das Kapital ist? Und wo führt sie hin?

2) Die Sache mit der Moral wäre ganz interessant, wenn die Autoren hier nicht einfach bürgerlichen Materialismus des 18. Jahrhunderts als ihren (Gegen-)Standpunkt auffahren würden. Aus dem Interesse einen moralischen Standpunkt zu machen, dass ist die große und mysteriöse Kunst der moralinsauer argumentierenden GSPler und ihrer bürgerlichen Wegbereiter. Gelingen kann das aber nicht. Wer, wie die Autoren, richtig von der „menschenfeindlichen Irrationalität“ des Kapitals redet, aber nichtmal einen Begriff von Menschheit hinkriegt, dem ist nicht zu helfen. Deshalb ist auch das ewige Gerede, den Arbeitern sei „der Schaden garantiert“, Unsinn. Die Arbeiter existieren als reflektierendes Subjekt gar nicht, nur der einzelne Arbeiter und dem hat der GSP auch als MG nicht klarmachen können, dass er nur einen „Fehler“ macht. Denn der Arbeiter kann als Einzelner, wenn es auch sehr unwahrscheinlich ist (nicht ganz, aber fast wie ein Lottogewinn) schon aufsteigen und sich zu den anderen Herrschaften gesellen. Außerdem, siehe unten, hält der einzelne Arbeiter den Kapitalismus erstmal möglicherweise für ein alternativloses System: Man hats doch gesehen, wie es drüben gelaufen ist…

Nicht was der Kapitalismus ist, sondern dass er mies, schinderisch usw. ist, interessiert die Autoren. Das wollen sie auch von Heinrich hören und das sagen sie dem geneigten Leser mit jedem zweiten Satz bis es einem hochkommt. Daher der ganze Aufwand. Verzweifelter Zwischenruf: Ja sind wir denn vorm Werkstor? Könnt ihr GSPler auch mal anders, so unter Genossen, die schon wissen, das (und warum) der Kapitalismus scheiße ist und dass es auch anders geht??? Nein, könnt ihr nicht, ihr seid innerlich immer vorm Werkstor.

Richtig dagegen ist, dass jeder (vor allem jeder Kapitalist) immer Nein sagen kann, wenn ihm auffällt, was für eine „Menschenschinderei“ dieses System ist und dass es auch anders geht. Nur: Dass man (auch die Kapitalisten) glauben kann, es gebe zu diesem System keine Alternative und es daher ‚leider’ nicht anders gehe als mittels Lohnarbeit und allem drum und dran, das halten die Autoren offenbar für undenkbar (im Gegensatz zu Marx, der immerhin eine Theorie des Fetischcharakters von Ware, Geld und Kapital formuliert hat. Der Fetisch ist eine Form, innerhalb deren sich die vielbeschworenen „Interessen“ erst faktisch ausbilden). Das hat System und deshalb wird denn auch ganz naiv die „Unversöhnlichkeit dieses Antagonismus“ (zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisteninteressen) proklamiert. Hier wird nicht kapiert, dass auch die Arbeiter, wollen sie im Kapitalismus überleben und halten sie diesen für das einzig machbare System, ein Interesse an der Geschäftsordnung haben. Dieses Interesse haben sie auch bisher sehr deutlich gezeigt. „Unversöhnlich“ – schön wärs!

3) Ganz obskur wird es aber, wenn die Autoren behaupten, die vielen „Ausbeutungswillen“ der vielen Kapitalisten seien es, die den jeweils anderen Kapitalisten mit ihrem Ausbeutungswillen die Konkurrenz aufnötigen. Woher kommen diese Willen? Sie sind, schön bürgerlich-materialistisch und VWL-hörig, immer schon da und das kapitalistische Akkumulationszwangssystem ist – Achtung! – „Rückwirkung seines [des einzelnen Kapitalisten] eigenen Interesses, das auch andere Kapitalisten verfolgen“. Hier landen wir wirklich bei der These, einige maßlos gierige Subjekte seien von Geburt an geld- und erfolgsgeil und die anderen hätten drunter zu leiden. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Marx spricht ja auch von den Fanatikern der Verwertung des Werts. Und die These der Autoren, „Privatinteresse und Systemzweck fallen zusammen“ ist auch insoweit richtig, als hier das in der Rolle des Kapitalisten Gemusste auch gewollt wird (und vielleicht sogar noch mehr als das Gemusste). Diese Rollen findet man aber in der auf Privateigentum beruhenden Gesellschaft als Einzelner immer schon vor und zwar verbunden mit einem spezifischen Sinngehalt, dem ideologischen Deutungsangebot, diese Rolle sei natürlich und nützlich (siehe Fetischismus). Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber nicht unter selbstgewählten Bedingungen (Marx).

Aber hier ist auch wieder der Eintrittspunkt der GSPlerischen Willensmetaphysik. Denn vom Fetischismus versteht der GSP gar nichts. Die Kategorie passt ja auch nicht in die Interessen- und Willensmetaphysik (ich weiß, dass ich mit dem Wort Metaphysik dem GSP zu viel Ehre antue). Die Autoren halten den Fetischismus als Verkennung der wahren Natur der kapitalistischen Produktionsweise entweder für eine Art schicksalhafter Verblendung, was natürlich Unsinn ist, den sie zu Recht ablehnen, oder für „einen Fehler“, den z.B. der Arbeiter dann mache, wenn er die praktische Nötigung zur innerkapitalistischen Reproduktion seines Lebens „zu seiner Sache macht, sich den Willen zulegt (!!), mit den gesellschaftlichen Bedingungen zurecht zu kommen und ihnen auch sein persönliches Glück abzuringen, und deshalb diese Bedingungen dann auch theoretisch als nützliche Einrichtungen und wirkliche Lebensmittel ansehen will (!!)“. Dann nämlich habe der sich aus so unerklärlich nebulös-voluntaristischen Ursachen einen derartigen Willen zulegende Arbeiter „nichts übrig“ für Erklärungen über das wahre Wesen von Ware, Geld und Kapital. Es ist wahrhaft verstörend, wie hier der Sachverhalt umgedreht wird und den Arbeitern ein dezisionistisches oder bösartig-egoistisches Motiv angedichtet wird, einfach nicht auf die Belehrungen des GSP hören zu wollen. Zum Glück hat Marx im Kapital niemals sowas verzapft. Die GSP ist mit ihrem Verständnisfehler des Fetischbegriffs besser bei Karl Schmitt als bei Karl Marx aufgehoben. Dass die vermittelnde Bewegung (der Prozess der Wert-, Geld und Kapitalkonstitution) im Resultat erlischt, wie Marx sich ausdrückt, diese prosaisch-reelle Mystifikation, ist eine von der sachhaften Struktur der kapitalistischen Praxis (Ware- und Geldvermittlung der gesellschaftlichen Beziehungen) der Alltagswahrnehmung nahegelegte Verkennung und kein dumpfes Nichtwissenwollen, weil man sich eben für Reihenhaus und Kleinfamilie entschieden hat. Ein Blogger nannte das treffend die Annahme eines „Selbstbescheißungswillens„, ein anderer spricht zutreffend davon, der GSP erkläre den „Willen zum Falschen zum Wesen der ‚bürgerlichen‘ Theorien“. Wenn man den GSP auf strukturellen Zwang anspricht, dann hört man übrigens auch den gerne bemühten Unfug: Hinter allem stecke der Wille des Staates (also eigentlich sei alles nackte Gewalt). Dieser ominöse Staatswille wird nämlich sogar zur Ursache des ganzen Kapitalismus erklärt. Hier wird also nicht nur ein notwendigerweise dialektischer Zusammenhang in einen einseitigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang verwandelt (der historisch gesehen zumal falsch ist), hier taucht nun ein noch bösartigerer und unerklärlicherer Wille auf als der der Kapitalisten (oder der der Arbeiter).

4) Die abstrakte Arbeit haben die Autoren auch nicht kapiert. Auch dieser Begriff wird noch moralisiert: Abstrakte Arbeit sei die „negative Seite“ der Arbeit, „Kraft, Verausgabung, Mühsal“. „Anstrengung und Mühsal“ seien „synonym mit neugeschaffenem Reichtum“. Das ist eine reine Arbeitsleidtheorie, die dem Bedürfnis der GSPler entspricht, keine einzige Kategorie des Kapitals ohne moralische Verurteilung und Belehrung lesen zu können. Dass Heinrichs Werttheorie verkehrt ist, das kann man so nicht belegen. Rat an den GSP: lest Dieter Wolf, der sagt Euch, was Wert und abstrakte Arbeit sind.

5) Mir geht die Puste aus. Und die braucht man wirklich, um den Schlussakkord des Textes durchzuhalten: Auch hier wieder: Die Arbeiter wissen eigentlich, wie es im Kapitalismus abgeht. Sie haben offenbar alle mal das Kapital gelesen oder sonst woher gewusst, wie es sich mit der Ausbeutung, der Durchschnittsprofitrate und sofort verhält, denn sie haben „mit sozialpolitischen Angeboten von Bismarck bis Hitler gelockt“ „Marx’ Lektion in den Wind geschlagen“. Saudeppen diese Arbeiter! Verführte! Haben sich für ein paar Kriegsgewinne und ein bisserl Invaliditätsbrosamen kaufen, vom eigentlichen Weg abbringen lassen – bestimmt weil sie es wollten! Oder wie nochmal?

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